Jede Betrachtungsweise eröffnet einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit. Wie bei einem Bild kann derselbe Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, ohne dass diese sich zwangsläufig widersprechen. Entscheidend ist dabei der jeweilige Detailgrad der Betrachtung.
Bei einem geringeren Detailgrad können mehrere Betrachtungsweisen gleichzeitig gültig sein. Sie geben dem Menschen unterschiedliche Zugänge zu einem Sachverhalt und schaffen damit einen Erfahrungsraum. Ähnlich wie eine Polarität einen Raum zwischen zwei Polen eröffnet, ermöglichen unterschiedliche Perspektiven überhaupt erst vielfältige Erfahrungen, Bewertungen und Gefühle.
Erhöht sich der Detailgrad, können sich neue Zusammenhänge zeigen. Eine frühere Betrachtungsweise wird dadurch nicht automatisch zur Lüge. Sie war innerhalb des damaligen Erkenntnisstandes und Betrachtungswinkels durchaus gültig. Erst wenn eine neue, umfassendere Erkenntnis gewonnen wurde und man dennoch bewusst an einer überholten Erklärung festhält, kann diese zur Täuschung werden.
Darin liegt auch ein wesentlicher Aspekt von Entwicklung: Erkenntnis bedeutet nicht nur, immer mehr Details anzusammeln, sondern den eigenen Betrachtungswinkel zu erweitern und verschiedene Ebenen miteinander verbinden zu können.
Ein theoretisch vollständiger Detailgrad würde schließlich nur noch eine einzige vollständige Perspektive übriglassen. Für das menschliche Erleben wäre damit jedoch auch der Raum für unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven aufgehoben. Im wirklichen Leben erreichen wir diesen absoluten Betrachtungsgrad nicht. Gerade diese Begrenztheit schafft den Raum, in dem Wahrnehmung, Erfahrung, Entwicklung und Leben stattfinden können.
